Jakob Uhlig hat gleich zwei Jobs, die auf den ersten Blick gar nicht so viel gemeinsam haben: Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am musikwissenschaftlichen Institut der Uni Marburg und nebenbei Freelancer in der Musikbranche. Doch eine Sache verbindet beide Welten – es geht ums Verkaufen!
Aber wie verkauft man Musik eigentlich? Heute läuft das über Social Media, Musikvideos und clevere Storys. Und früher? Ohne TikTok, Insta und YouTube? Viel, viel schwieriger. Jakob nimmt uns mit auf eine kleine Zeitreise und zeigt am Beispiel des „chromatischen Totals“, wie Marketing in der Musikbranche früher funktioniert hat. Was genau bedeutet dieser Begriff? Und bringt mehr Vielfalt in den Tönen wirklich mehr Vielfalt in die Gefühle?
Jakob verrät dabei auch die Kernidee seiner Doktorarbeit. Seine These? Mitreißend erzählte Geschichten können sogar basale Musikkonzepte zum Leben erwecken. Klingt spannend? Dann hör genau hin!
1. Warum machst du beim Science Slam mit?
Mir ist es wichtig, meine Forschung auch außerhalb der eigenen Blase präsentieren zu können, denn letztendlich soll meine Arbeit ja nicht nur fachintern zweckmäßig sein. Ich wünsche mir, dass wir wieder ernsthafter über die vermeintlich "nebensächlichen" Aspekte unserer Gesellschaft reden, weil wir uns zu selten klar machen, wie fundamental alle Arten von Kunst eigentlich für unsere Weltwahrnehmung sind. Außerdem ist bei Slams zu sein auch einfach persönlich ein sehr erhebendes Gefühl - solche Crowds wie in einem ausverkauften Theater kriegt man an der Uni dann doch eher nicht.
2. Was begeistert dich an der Forschung?
Als Menschen kommen wir völlig unbedarft auf die Welt und sind eigentlich permanent damit beschäftigt zu verstehen, wie alles um uns herum und in uns eigentlich funktioniert. In der Forschung trägt man dem Umstand Rechnung, dass dieses Verstehenlernen nie aufhört. Es ist ein großes Privileg für mich, das permanente Suchen nach Wissen zu meinem Beruf machen zu können
3. Kannst du mir dein Thema in drei Sätzen erklären?
Seit dem frühen 20. Jahrhundert gab es unter Komponisten und Musikwissenschaftler*innen immer wieder Diskussionen und teilweise richtige Streits darüber, wer als Erfinder der oft sogenannten "Zwölftonmusik" gelten kann, ein kompositorischer Ansatz, der primär mit dem österreichischen Komponisten Arnold Schönberg verbunden wird. Kurios daran ist nicht allein, mit welcher Vehemenz und Härte diese Diskussion teilweise geführt wird, sondern auch, dass die Stücke, über die die besagten Personen miteinander streiten, eigentlich erstaunlich wenig gemeinsam haben. Ich untersuche deswegen, wie geschichtliche Erzählungen Verbindungen schaffen, suggerieren und überbetonen können, die in der Musik selbst vielleicht gar nicht so stark nachzuweisen sind.
4. Was hättest du in deinem Forschungsprozess gerne früher gewusst?
Dass noch mehr nachdenken, lesen und arbeiten nicht zwangsläufig zu einer besseren, schnelleren oder überhaupt einer Lösung führt. Manchmal ist es auch das beste, einfach mal eine Woche etwas ganz anderes zu machen.
5. Was ist das größte Missverständnis über dein Fachgebiet?
Dass historisches Arbeiten zwangsläufig bedeutet, sich nur mit "alten" Sachen zu beschäftigen. Eigentlich schauen wir uns nämlich auch ganz gegenwärtige Phänomene an, und "historisch" meint nur unseren Blickwinkel, nicht den Gegenstand, den wir behandeln. Gute (Musik-)Historiker*innen haben in meinen Augen außerdem sowieso auch mit älteren Gegenständen immer einen Blick für die Gegenwart. Unser Interesse für die Vergangenheit beruht schließlich oft darauf, wie sie uns zur heutigen Welt geführt hat oder was wir für die heutige Welt aus ihr lernen können.
6. Was machst du, um nach einem anstrengenden Tag abzuschalten?
Ich koche mir etwas Deliziöses mit instagramreifer Optik (besonders beliebt: alles, wo man dekorativ Sesam, Frühlingslauch oder Dressing in filigranen Schlangenlinien drauf verteilen kann) und schaue mir dann Videos über Analysen zu aktuellen Schachpartien an - irgendein Turnier ist immer. Hätte der Läufer doch auf c7 gemusst? Wieso funktioniert das Damenopfer im 22. Zug? Und welches Spiel hat Magnus Carlsen heute wieder gewonnen? Nerdig ohne Ende, ich verstehe schon, aber ich kann mir seit einiger Zeit kaum was Entspannenderes vorstellen, als mich in diesem Spiel zu verlieren.
7. Was ist dein Lieblingspaper/-buch zu deinem Thema?
"Geschichten vom Umbruch" von Anna Magdalene Bredenbach. Das Buch arbeitet sogar am Beispiel der Zeit, mit der ich mich auch beschäftige, aber es war für mich eigentlich vor allem durch die ausführlichen methodischen Überlegungen unheimlich wertvoll - es erörtert nämlich, wie wir Musikgeschichtsschreibung als Erzählstrukturen untersuchen können. Aus den dortigen Ideen habe ich für meine Doktorarbeit unglaublich viel gewonnen. Außerdem bewundere ich, wie das Buch geschrieben ist. Die Sprache ist unheimlich klar, direkt und völlig frei von dieser Art Komplexität, die einfach nur da ist, um einen Text schlauer klingen zu lassen. Es gibt kaum etwas, was für mich mehr von Verstand für das Geschriebene zeugt.
8. Welchen Rat würdest du anderen jungen Wissenschaftler*innen geben?